Generalagent einer Krankenkasse verdient 700'000 Franken pro Jahr - während unsere Prämien steigen?

Marco B. 27.06.2026, 15:45 138 Aufrufe 11 Antworten
Marco B.
27.06.2026, 15:45

Ich habe gestern etwas gelesen, das mir ehrlich gesagt den Magen umgedreht hat. Ein einzelner Generalagent einer grossen Krankenkasse soll in einem Jahr rund 700'000 Franken verdient haben. Zum Vergleich: Das ist mehr, als ein Bundesrat im Jahr bekommt. Und der Geschäftsführer derselben Kasse soll im gleichen Jahr auf knapp eine Million Franken Vergütung gekommen sein.

Was mich besonders ärgert: Genau diese Kassen drehen uns Jahr für Jahr an der Prämienschraube. Jeden Herbst flattert der Brief ins Haus, jeden Herbst wieder ein paar Prozent mehr. Und gleichzeitig kassiert ein Vermittler im selben Unternehmen ein Salär, von dem eine normale Familie nur träumen kann. Angeblich hat es sogar der Bruder dieses Agenten im ersten Jahr auf 300'000 Franken gebracht.

Ich frage mich allen Ernstes: Woher kommt dieses Geld? Wir alle sind ja gesetzlich verpflichtet, eine Grundversicherung abzuschliessen. Das ist eine Sozialversicherung, kein Luxusgut. Wenn dort jemand 700'000 Franken pro Jahr rausziehen kann, dann läuft doch grundsätzlich etwas schief.

Mir geht es nicht darum, jemandem den Erfolg zu neiden. Aber bei einer obligatorischen Versicherung, die wir alle zahlen müssen, habe ich schon das Gefühl, ein Recht auf eine Erklärung zu haben.

  • Werden solche Gehälter direkt aus unseren Prämiengeldern bezahlt - und wenn ja, aus der Grundversicherung oder den Zusatzversicherungen?
  • Wie passt das überhaupt zum Gedanken einer Sozialversicherung nach KVG?
  • Kennt jemand die Zahlen bei CSS, Sanitas oder Groupe Mutuel - ist das ein Einzelfall oder die Regel?
  • Schaut da das BAG eigentlich hin, oder ist das alles legal und sauber genehmigt?
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11 Antworten

Karin H.
48 Punkte

Mir geht es genau gleich, Marco. Jeden Herbst dieser Brief, und dann liest man so etwas. 700'000 Franken für einen einzigen Vermittler - das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich habe drei Kinder und rechne jeden Franken zweimal, und die da oben verteilen sich Saläre wie im Schlaraffenland.

Lukas M.
45 Punkte

Ich arbeite seit Jahren in der Branche und möchte da ein bisschen differenzieren, auch wenn die Empörung verständlich ist.

Ganz wichtig zu verstehen: Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen Grundversicherung und Zusatzversicherung. In der Grundversicherung (KVG) ist die Vermittlerprovision gesetzlich gedeckelt, da reden wir von rund 70 Franken pro Vertrag. Damit wird niemand reich. Diese 700'000 Franken kommen praktisch sicher aus dem Zusatzversicherungsgeschäft - also Halbprivat, Privat, Spitalzusatz, Alternativmedizin und so weiter. Dort gibt es viel mehr Spielraum.

Die Krankenkassen betonen deshalb auch immer, dass solche Provisionen die Grundversicherungsprämie nicht direkt belasten. Das stimmt formell auch. Aber: Es ist trotzdem dasselbe Unternehmen, dasselbe Briefpapier, derselbe Vertrauensvorschuss. Der Kunde unterscheidet das oft gar nicht.

René M.
75 Punkte

Danke @Lukas für die Einordnung, das ist wichtig. Trotzdem bleibt für mich ein fader Beigeschmack. Wenn die Provision die Grundversicherung angeblich nicht belastet - warum steigen dann diese Prämien trotzdem jedes Jahr? Irgendwo muss das Geld ja herkommen.

Stefan H.
35 Punkte

Ich habe das auch verfolgt und ein paar Zahlen nachgeschaut, weil hier viel durcheinandergeht.

Bei den Zusatzversicherungen sind laut der vom Bundesrat genehmigten Branchenvereinbarung Provisionen von bis zu 16 Monatsprämien pro abgeschlossenem Vertrag üblich. Das ist die Obergrenze, und sie ist in der Praxis offenbar der Standard. Wenn man sich das ausrechnet: Bei einer teuren Privatspital-Police kommt da pro Abschluss eine sehr ordentliche Summe zusammen. Wer in seinem privaten Umfeld viele solche Verträge platziert, kommt schnell auf grosse Zahlen.

Das Pikante daran: Die Kasse sagt, alles sei innerhalb der genehmigten Regulierung. Und rein rechtlich stimmt das wahrscheinlich sogar.

Sabrina W.
42 Punkte

16 Monatsprämien?! Ich musste das zweimal lesen. Also wenn ich eine Zusatzversicherung für sagen wir 200 Franken im Monat abschliesse, kassiert der Vermittler 3'200 Franken? Für einen einzigen Abschluss? Das ist doch komplett absurd. Kein Wunder wollen die einem immer noch eine Zusatz andrehen.

Eva F.
38 Punkte

@Sabrina genau das ist der Punkt. Ein Comparis-Experte hat das mal sehr treffend gesagt: Die guten Vermittler arbeiten logischerweise für die Kassen mit den höchsten Provisionen. Also kann es sich keine Kasse leisten, tiefer zu gehen - sonst bekommt sie die guten Leute nicht. So treibt sich das System selber hoch, völlig legal, und am Ende zahlen es die Versicherten.

Und ja, der Anreiz ist klar: Versicherungsvermittler haben ein finanzielles Interesse, möglichst teure Policen zu verkaufen. Ob die für die Kundin oder den Kunden wirklich die beste Lösung sind, ist eine ganz andere Frage.

Monika F.
65 Punkte

Mich macht vor allem dieser Satz wütend, dass diese Provisionen die hohen Prämien bei den Zusatzversicherungen zumindest teilweise erklären. Also gibt die Kasse quasi selber zu, dass ich als Kundin meine eigene Beratung über überteuerte Prämien mitfinanziere. Toll.

Marco B.
55 Punkte

Danke euch allen für die Antworten, das hilft mir enorm beim Einordnen. Was mich aber weiterhin stört, @Stefan: Auch wenn die Grundversicherung gesetzlich abgeschottet ist - der Ruf und das Vertrauen der Kasse, das im Obligatorium aufgebaut wird, wird ja im Zusatzgeschäft schamlos zu Geld gemacht. Das fühlt sich nicht sauber an, auch wenn es legal ist.

Andreas M.
67 Punkte

Man muss aber auch fair bleiben. 700'000 Franken in einem Jahr ist offenbar selbst in der Branche eine absolute Ausnahme und kein normales Generalagenten-Gehalt. Der entsprechende Comparis-Experte hat selber gesagt, dass sich so etwas wohl nicht mal beim gleichen Agenten wiederholen dürfte. Es war wohl ein Ausnahmejahr mit sehr vielen Abschlüssen im privaten Umfeld. Empörend bleibt die Struktur trotzdem, aber das ist nicht das Durchschnittssalär eines Vermittlers.

Andrea Z.
55 Punkte

Was ich an dieser ganzen Geschichte am vernünftigsten fand: Der Vorschlag, die Provisionen über einen längeren Zeitraum auszuzahlen - zum Beispiel über fünf Jahre verteilt und an die Kundenzufriedenheit gekoppelt. Dann hätte der Vermittler endlich ein Interesse daran, dass die Police auch wirklich passt und der Kunde zufrieden bleibt, statt einfach schnell abzuschliessen und weiterzuziehen. Das fände ich einen ehrlichen Ansatz.

Sandra K.
60 Punkte

Zum Thema BAG und Aufsicht: Bei der Grundversicherung schaut das BAG sehr genau hin, dort ist alles bis auf den letzten Franken reguliert und die Margen sind dünn. Bei den Zusatzversicherungen ist es die FINMA, und dort gilt Vertragsfreiheit - die Kasse darf Leute mit höheren Gesundheitsrisiken sogar ablehnen. Das ist der ganz grosse Unterschied: Im Obligatorium muss jede Kasse jeden aufnehmen, im Zusatz nicht. Genau deshalb lohnt sich das Zusatzgeschäft so viel mehr, und genau dort fliessen diese fetten Provisionen. Es ist legal - aber ob es im Sinne von uns Prämienzahlern ist, das ist eine ganz andere Diskussion.

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