Run-off: Werden alte Lebensversicherungen schlechter betreut?

Andrea Z. 03.09.2026, 10:05 78 Aufrufe 10 Antworten
Andrea Z.
03.09.2026, 10:05

Ich beschäftige mich seit ein paar Wochen mit einem Thema, das mir keine Ruhe lässt, und würde gerne eure Einschätzung hören. Es geht um die sogenannten Run-off-Plattformen. Falls jemand den Begriff noch nie gehört hat: Das sind spezialisierte Abwickler, die ganze Bestände alter Lebensversicherungen aufkaufen. Der ursprüngliche Versicherer verkauft also seine Policen – teils Hunderttausende auf einen Schlag – an einen Investor, der dann nur noch verwaltet und auszahlt, aber kein Neugeschäft mehr macht.

Was mich stutzig macht, ist die Logik dahinter. Ein normaler Versicherer hat ein Interesse daran, dass seine Bestandskunden zufrieden sind, weil er ja auch Neukunden gewinnen will und der Ruf zählt. Ein reiner Abwickler hat dieses Interesse nicht. Er macht keine Werbung, er sucht keine neuen Verträge, sein einziges Ziel ist, den gekauften Bestand möglichst effizient abzuwickeln. Und genau da frage ich mich: Wo bleibt dann der Anreiz für eine anständige Betreuung und vor allem für eine faire Überschussbeteiligung?

Konkret stört mich der Hintergrund solcher Deals. Da werden gerade die alten Verträge mit hohen Zinsgarantien abgestossen, weil sie für den Versicherer bei den heutigen Zinsen angeblich zur Last werden. Bei einem grossen Verkauf in unserem Nachbarland ging es um rund 700'000 Policen, und der erwartete Erlös lag bei etwa einer halben Milliarde. Das sind genau die Verträge, die man als Kunde eigentlich behalten will – der garantierte Zins ist heute kaum mehr zu bekommen. Und ausgerechnet die landen beim Abwickler.

Ich will fair bleiben: Es gibt auch Argumente dafür. Die Abwickler sagen, sie seien auf reine Verwaltung spezialisiert und dadurch effizienter, was am Ende auch den Kunden nütze. Und die Garantien aus dem Vertrag bleiben rechtlich bestehen, egal wer der Eigentümer ist. Trotzdem bleibt bei mir ein ungutes Gefühl.

  • Habt ihr selbst schon erlebt, dass die Betreuung nach so einem Bestandsverkauf schlechter wurde?
  • Wie streng schaut die Aufsicht (FINMA bzw. die Pendants im Ausland) wirklich auf solche Übernahmen?
  • Ist die Sorge um die Überschussbeteiligung berechtigt, oder hängt die ohnehin nur am Kapitalmarkt?
  • Würdet ihr eine alte Police mit gutem Garantiezins behalten, auch wenn sie zu einem Abwickler wandert?
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10 Antworten

Stefan H.
35 Punkte

Gute und wichtige Frage, Andrea. Ich arbeite seit Jahren in dem Umfeld und will mal versuchen, das Run-off-Modell nüchtern zu erklären, weil hier oft Emotionen mitschwingen.

Ein Abwickler kalkuliert tatsächlich anders als ein klassischer Versicherer. Er kauft einen Bestand zu einem ausgehandelten Preis und muss damit über Jahrzehnte die garantierten Leistungen erfüllen. Sein Gewinn entsteht vor allem aus der Kapitalanlage und aus tieferen Verwaltungskosten. Das heisst aber nicht automatisch, dass die Betreuung schlechter wird – im Gegenteil sind diese Häuser auf Massenverwaltung getrimmt und oft technisch weiter als ein Versicherer, der nebenbei noch zehn andere Sparten betreibt.

Der wunde Punkt ist die Überschussbeteiligung, da hast du recht. Die garantierten Teile sind sicher, aber die nicht garantierten Überschüsse hängen am Ermessen des neuen Eigentümers – und am Kapitalmarkt.

Lukas M.
45 Punkte

Danke Stefan für die sachliche Einordnung. Mich beruhigt das nur halb. Effizienter verwalten klingt gut, heisst in der Praxis aber oft: weniger Personal, kein Aussendienst mehr, alles über ein Callcenter. Für jemanden, der mit 75 eine Frage zu seiner Police hat, ist das ein Unterschied.

Monika F.
65 Punkte

Ich kann da leider aus eigener Erfahrung etwas beisteuern, und zwar eine negative. Bei einer älteren Police meiner Mutter wurde der Bestand vor einigen Jahren übernommen. Vorher hatte sie einen festen Ansprechpartner in der Agentur vor Ort, danach nur noch eine Nummer und Briefe mit Aktenzeichen. Bei einer Rückfrage zur Auszahlung hat es dreimal so lange gedauert wie früher. Die Leistung selbst kam korrekt, das schon – aber das Gefühl, einfach nur noch eine Akte zu sein, das blieb.

René M.
75 Punkte

Man muss aber auch ehrlich sein: Wie viel Betreuung braucht eine fertig abgeschlossene Lebensversicherung überhaupt noch? Im Normalfall läuft die einfach. Solange Garantiezins und Auszahlung stimmen, ist mir relativ egal, ob da ein bekannter Markenname draufsteht oder ein Abwickler dahintersteckt.

Eva F.
38 Punkte

@René, das sehe ich anders. Gerade bei alten Verträgen gibt es laufend Entscheidungen – Beitragsfreistellung, vorzeitige Kündigung, Beleihung, Anpassung der Bezugsberechtigung. Da will ich jemanden, der mir das sauber rechnet und nicht nur ein Formular zuschickt.

Sandra K.
60 Punkte

Zur Aufsichtsfrage von Andrea: Die ist tatsächlich nicht zahnlos. Im erwähnten Auslandsfall ist ein solcher Verkauf an einen Abwickler vor gut zwei Jahren genau daran gescheitert, dass die Aufsicht den Käufer wegen seiner Eigentümerstruktur als nicht vertrauenswürdig eingestuft hat. Erst nachdem sich die Eigentümerverhältnisse geändert hatten, kam das Geschäft wieder in Bewegung. Das zeigt mir: Die Behörde schaut sehr wohl genau hin, wer da einen Millionenbestand übernehmen darf.

Bei uns wäre für so etwas die FINMA zuständig, und die bewilligt einen Bestandsübertrag nicht einfach so. Sie prüft, ob die Interessen der Versicherten gewahrt bleiben.

Karin H.
48 Punkte

Das mit der Aufsicht ist beruhigend, danke Sandra. Trotzdem prüft die FINMA ja vor allem, dass die Garantien erfüllbar bleiben – also die Solvenz. Ob die Servicequalität und die Höhe der freiwilligen Überschüsse stimmen, ist davon nur teilweise erfasst. Genau da liegt für mich die Lücke.

Patrick W.
40 Punkte

Spannend finde ich den branchenpolitischen Aspekt. Wenn grosse Namen wie Swiss Life oder AXA ihre kapitalintensiven Altbestände abstossen würden, stehen am Ende ein paar wenige Run-off-Spezialisten da, die einen riesigen Teil der alten Lebensversicherungen verwalten. Diese Konzentration finde ich fast bedenklicher als den einzelnen Vertrag. Weniger Wettbewerb um Service heisst tendenziell weniger Druck, gut zu sein.

Stefan H.
35 Punkte

@Patrick, der Punkt ist berechtigt, aber etwas zu pessimistisch. Auch ein Abwickler steht unter regulatorischem Druck und unter dem Druck seiner eigenen Investoren, die kein Reputationsdesaster wollen. Und @Monika, dein Beispiel zeigt das eigentliche Problem gut: nicht die Garantie war weg, sondern die persönliche Nähe. Das ist real, hat aber mehr mit der allgemeinen Digitalisierung zu tun als nur mit Run-off. Auch klassische Versicherer bauen ihre Agenturen ab.

Andrea Z.
55 Punkte

Danke euch allen, das hat mir wirklich geholfen, das Thema differenzierter zu sehen. Mein Fazit für mich: Die Garantie ist dank Aufsicht recht gut geschützt, da mache ich mir weniger Sorgen als am Anfang. Was bleibt, ist die Frage nach Service und Überschussbeteiligung – und da gebe ich Karin recht, dass genau das aufsichtsrechtlich nur teilweise abgedeckt ist.

Ich werde meine alte Police mit dem guten Garantiezins auf jeden Fall behalten, egal wer sie am Ende verwaltet. Den Zins bekomme ich heute nirgends mehr. Aber ich werde künftig genauer hinschauen, von wem die Post kommt.

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