Rekordgewinn und Dividende auf 30 Fr. – auf wessen Kosten?

Christian S. 16.07.2026, 08:05 83 Aufrufe 10 Antworten
Christian S.
16.07.2026, 08:05

Ich habe diese Woche die Jahreszahlen von einem der grossen Versicherer angeschaut und bin etwas zwiegespalten. Der Konzern hat einen Reingewinn von 6,8 Mrd. Dollar ausgewiesen, ein Plus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Betriebsgewinn kletterte um 14 Prozent auf 8,86 Mrd. Das ist ein neuer Rekord, nachdem schon das Vorjahr ein Rekordjahr war.

Und jetzt kommt der Punkt, der mich nachdenklich macht: Die Aktionäre sollen an der Generalversammlung eine Dividende von 30 Franken pro Aktie erhalten – das sind 2 Franken mehr als bisher. Gleichzeitig lese ich im selben Bericht, dass ein wesentlicher Treiber dieser Gewinne die Prämienerhöhungen waren. Konkret werden die massiven Preiserhöhungen bei den Autoversicherungen ausdrücklich erwähnt.

Da stellt sich mir als Kunde schon die Frage: Zahlen wir mit unseren steigenden Prämien letztlich die Rekorddividenden der Aktionäre? Ich verstehe, dass ein Versicherer Gewinn machen muss und Reserven braucht. Aber die Versicherungsmarge in der Schadenversicherung ist von 5,8 auf 7,4 Prozent gestiegen, die Combined Ratio hat sich auf 92,6 Prozent verbessert. Das heisst, von jedem eingenommenen Prämienfranken bleiben mehr als sieben Rappen hängen, Tendenz steigend.

Mir ist bewusst, dass das eine differenzierte Geschichte ist. Viele von uns sind über die Pensionskasse indirekt an solchen Konzernen beteiligt, und die Aktie ist nicht zuletzt deshalb so beliebt. Trotzdem beschäftigt mich:

  • Bezahlen wir Kunden mit überhöhten Prämien direkt die Dividende und die Aktienkursgewinne?
  • Oder ist das einfach ein gut geführtes Unternehmen, das man nicht für seinen Erfolg bestrafen sollte?
  • Wie viel von so einem Gewinn ist eigentlich Wetterglück (tiefe Naturkatastrophenlast) und wie viel echte Leistung?
  • Profitieren wir über Pensionskassen und 3a-Fonds am Ende selber genug, um die hohen Prämien wettzumachen?
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10 Antworten

Marco B.
55 Punkte

Gute Frage, @Christian. Für mich ist die Antwort klar ja: Wenn ein Konzern offen kommuniziert, dass die Rekordgewinne unter anderem durch massive Preiserhöhungen bei den Autoversicherungen zustande kommen, dann zahlen wir Prämienzahler diese Gewinne mit. Meine Autoprämie ist in zwei Jahren um fast 20 Prozent gestiegen, mein Schadenfreiheitsrabatt ist gleich geblieben. Da muss man kein Mathematiker sein.

René M.
75 Punkte

Ich sehe das differenzierter. Ich besitze die Aktie seit Jahren und lebe teilweise von der Dividende. 30 Franken pro Titel bei einem Kurs um die 560 Franken ist eine Rendite von gut 5 Prozent – das ist solid, aber kein Wucher. Und vergesst nicht: Über eure Pensionskasse seid ihr fast alle mit dabei. Schweizer PKs halten solche dividendenstarken Standardwerte in grossem Stil. Der Gewinn fliesst also zu einem schönen Teil zurück an genau die Leute, die hier über zu hohe Prämien klagen.

Stefan H.
35 Punkte

@René, das Pensionskassen-Argument höre ich oft, und es stimmt ja auch ein Stück weit. Aber es relativiert sich schnell. Wenn ich 800 Franken mehr Prämie pro Jahr zahle und mein winziger PK-Anteil an diesem einen Konzern mir vielleicht 15 Franken Dividende einbringt, dann ist das Geschäft für mich als Durchschnittskunde unter dem Strich miserabel. Die Konzentration des Gewinns bei wenigen Grossaktionären ist halt eine andere Liga als die Streuung über Millionen Versicherte.

Monika F.
65 Punkte

Mich stört vor allem das Framing als reine Leistung. Der Konzernchef selber hat eingeräumt, dass 2025 bezüglich Unwetter glimpflich verlaufen sei. Die Schadenlast aus Naturkatastrophen lag bei nur 1,2 Punkten statt 3,1 im Vorjahr. Bei den kalifornischen Waldbränden, die die Branche gegen 40 Mrd. gekostet haben, musste dieser Konzern nur rund 150 Mio. schultern. Ein gutes Stück des Rekords ist schlicht Wetterglück – und trotzdem wird die Dividende erhöht, statt die Prämien etwas zu entlasten.

Christian S.
58 Punkte

@Monika, genau dieser Punkt mit dem Wetterglück hat mich auch gestört. Der CEO sagt zwar, man dürfe das nicht nur auf das Wetter schieben, das sei für die Industrie nicht überall so glimpflich gewesen. Geschenkt. Aber wenn die tiefere Schadenlast 1,6 Prozentpunkte der Verbesserung der Combined Ratio ausmacht, dann ist das eben kein nachhaltiger Effizienzgewinn, sondern Glück. Und Glück gibt man eigentlich nicht als Dividendenerhöhung weiter, sondern legt es in die Reserven.

Thomas R.
52 Punkte

Ich arbeite selber in der Branche, wenn auch nicht bei diesem Konzern, und möchte ein paar Dinge geradeziehen. Erstens: Die Prämien in der Autoversicherung steigen branchenweit, weil Reparaturen und Ersatzteile durch die ganze Elektronik massiv teurer geworden sind. Das ist kein reiner Profitgriff. Zweitens: Eine Solvenzquote von 259 Prozent bedeutet, dass viel Kapital gebunden ist, das die Regulierung verlangt. Drittens: Wer eine Eigenkapitalrendite von fast 27 Prozent erzielt, macht vieles richtig. Man kann ein Unternehmen nicht für Erfolg bestrafen.

Lukas M.
45 Punkte

@Thomas, das mit den teureren Reparaturen ist berechtigt, aber es erklärt nicht alles. Wenn die Kosten steigen und gleichzeitig die Versicherungsmarge von 5,8 auf 7,4 Prozent steigt, dann werden die Prämien offensichtlich stärker erhöht, als es die reine Kostensteigerung rechtfertigen würde. Sonst bliebe die Marge ja konstant. Die Differenz landet beim Aktionär. Genau das ist doch der Kern von Christians Frage.

Sabrina W.
42 Punkte

Was in der Diskussion untergeht: Es ist nicht entweder Kunde oder Aktionär. Auch das Lebens- und Vorsorgegeschäft brummt, über die Hälfte des Betriebsgewinns kommt mittlerweile aus dem Vorsorgeschutz, und Spar- und Vorsorgeprodukte tragen fast 60 Prozent zum Spartengewinn bei. Heisst: Wer dort eine 3a- oder Vorsorgelösung hat, profitiert auch direkt von der guten Verfassung. Ich bin da pragmatisch – ich ärgere mich über meine Autoprämie und freue mich gleichzeitig über die Performance meiner Vorsorge.

Andrea Z.
55 Punkte

Mich macht skeptisch, dass die Dividende fast schon mechanisch jedes Jahr erhöht wird, egal wie sie zustande kommt. 28, jetzt 30 Franken, der Analystenkonsens lag genau dort. Es geht ganz offensichtlich auch darum, den zuletzt eher enttäuschenden Aktienkurs zu stützen. Das ist legitim, aber es zeigt, wo die Prioritäten liegen: zuerst der Kurs und die Aktionäre, dann irgendwann vielleicht der Kunde. Eine Prämiensenkung nach einem Rekordjahr habe ich jedenfalls noch nie erlebt.

Andreas M.
67 Punkte

Realistisch betrachtet ist es eben beides zugleich, und damit muss man leben. Ja, ein Teil unserer Prämien finanziert die Dividende. Und ja, es ist ein gut geführter, breit diversifizierter Konzern, der auch über Pensionskassen und Vorsorge an uns zurückzahlt. Was mir fehlt, ist der Wettbewerb, der die Prämien drücken würde. Solange drei, vier grosse Anbieter parallel die Preise anziehen und alle Rekordmargen melden, hat man als Kunde wenig Verhandlungsmacht. Da hilft am Ende nur konsequentes Vergleichen und Wechseln.

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