Rekordgewinne überall – aber unsere Prämien sinken nie, sie steigen nur. Warum?

Simone L. 27.09.2026, 15:10 132 Aufrufe 10 Antworten
Simone L.
27.09.2026, 15:10

Ich muss das mal loswerden, weil es mich ehrlich gesagt jedes Jahr aufs Neue frustriert. Da liest man in jeder zweiten Wirtschaftsmeldung von Rekordgewinnen der Versicherer – ein grosser Schweizer Konzern hat letztes Jahr seinen Reingewinn um 17 Prozent auf 6,8 Milliarden gesteigert, der Betriebsgewinn kletterte auf 8,86 Milliarden, und die Aktionäre bekommen jetzt eine Dividende von 30 Franken pro Aktie. Schön für sie. Gleichzeitig kommt im Herbst zuverlässig der Brief von der Krankenkasse mit der nächsten Prämienerhöhung, und auch meine Autoversicherung ist dieses Jahr wieder spürbar teurer geworden.

Was mich daran wirklich stört: Es geht immer nur in eine Richtung. Wenn die Schäden hoch sind, steigen die Prämien wegen der Schadenlast. Wenn die Gewinne hoch sind, steigen sie wegen der Reserven oder der Schadeninflation. Egal wie es läuft, am Ende zahlen wir mehr. Ich habe noch nie einen Brief bekommen, in dem stand: «Wir hatten ein gutes Jahr, deshalb senken wir Ihre Prämie um 10 Prozent.»

Mir ist schon klar, dass man Grundversicherung und Privatversicherung trennen muss. Aber im Alltag spürt der Konsument einfach nur, dass alles teurer wird, während die Konzernzahlen jubeln. In genau dem erwähnten Bericht stand übrigens auch, dass das Wachstum unter anderem von massiven Preiserhöhungen bei Autoversicherungen getrieben wurde – also unsere Prämien sind direkt Teil der Rekordgewinne.

Ich würde gerne von euch wissen:

  • Warum sinken Prämien praktisch nie, auch wenn ein Versicherer Milliarden verdient?
  • Wo geht das Geld bei den Krankenkassen-Reserven eigentlich hin – kriegen wir das je zurück?
  • Ist das berechtigt (Schadeninflation, Konkurrenz) oder einfach Abzocke?
  • Was kann ich als einzelner Kunde überhaupt tun, ausser jedes Jahr zu wechseln?
60

10 Antworten

Claudia B.
70 Punkte

Du sprichst mir aus der Seele, Simone. Bei mir kam letzte Woche genau dieser Brief von der Kasse rein, zum vierten Mal in Folge ein sattes Plus. Und im gleichen Atemzug lese ich von Milliardengewinnen. Das fühlt sich einfach falsch an, egal wie viele Erklärungen man uns liefert.

Christian S.
58 Punkte

Ich versuche mal die nüchterne Erklärung, auch wenn der Frust verständlich ist. Wichtig ist die Trennung: In der Grundversicherung gilt ein Gewinnverbot. Die Krankenkassen dürfen dort keinen Gewinn machen, Prämien müssen die Kosten decken – nicht mehr, nicht weniger. Wenn die Prämien steigen, dann weil die Gesundheitskosten steigen, und die tun das in der Schweiz seit Jahren um 3 bis 4 Prozent pro Jahr. Das hat mit den Rekordgewinnen der Privatversicherer erstmal gar nichts zu tun – das sind zwei völlig verschiedene Welten.

Die Milliardengewinne, von denen du liest, stammen vom Schaden- und Lebengeschäft der grossen Privatassekuranz, nicht von der Grundversicherung. Das wird in der Wahrnehmung leider ständig vermischt.

Marco B.
55 Punkte

@Christian guter Punkt mit der Trennung. Aber ehrlich, dem Konsumenten hilft das wenig. Ob meine 200 Franken mehr im Jahr aus einem Gewinnverbot-Topf oder aus einem Gewinn-Topf kommen – teurer ist teurer.

Patrick W.
40 Punkte

Zur Krankenkassen-Reserve, weil das immer für Verwirrung sorgt: Die Reserven sind gesetzlich vorgeschrieben, jede Kasse muss eine Mindestsolvenz erfüllen. In guten Jahren werden sie aufgebaut, und wenn eine Kasse zu hohe Reserven hat, kann sie diese auch wieder abbauen und an die Versicherten zurückgeben – das ist in den letzten Jahren tatsächlich vereinzelt passiert. Das Problem: Es ist kein Sparkonto mit deinem Namen drauf. Wenn du die Kasse wechselst, nimmst du deinen Anteil nicht mit. Deshalb lohnt sich das Reserve-Argument für den Einzelnen kaum.

Andreas M.
67 Punkte

Ich arbeite in der Branche und kann zur Privatseite was sagen. Die Kennzahl, auf die alle schauen, ist die Combined Ratio – also Schäden plus Kosten im Verhältnis zu den Prämien. Bei dem Konzern, den ihr meint, lag die zuletzt bei rund 92,6 Prozent. Heisst: Von 100 Franken Prämie gehen etwa 92,6 für Schäden und Verwaltung weg, der Rest ist Gewinnmarge. Klingt nach viel Gewinn, aber das war auch ein gutes Jahr mit wenig Naturkatastrophen. In einem Jahr mit grossen Unwettern oder Hagelschäden kann diese Quote schnell über 100 rutschen, und dann macht der Versicherer im Kerngeschäft Verlust. Die Prämien werden auf Jahre kalkuliert, nicht auf ein Rekordjahr.

Sabrina W.
42 Punkte

@Andreas das mit der Combined Ratio verstehe ich ja. Aber wenn die in einem guten Jahr bei 92 liegt und der Konzern trotzdem 30 Franken Dividende ausschüttet plus die Reserven füllt – dann frage ich mich schon, ob die Prämien nicht von vornherein etwas zu hoch kalkuliert sind. Sicher ist sicher, klar, aber auf wessen Kosten?

Andrea Z.
55 Punkte

Das Stichwort, das hier noch fehlt, ist Schadeninflation. Ein Blechschaden am Auto kostet heute deutlich mehr als noch vor fünf Jahren – Ersatzteile, Elektronik, Stundenansätze in der Werkstatt, alles teurer geworden. Ein moderner Scheinwerfer mit Sensoren kostet ein Mehrfaches von früher. Die Versicherer zahlen diese gestiegenen Reparaturkosten und holen sie über die Prämien wieder rein. Das ist tatsächlich ein echter Kostentreiber und nicht nur ein Vorwand. Trotzdem nervt es, weil eben genau diese Preiserhöhungen am Schluss in der Rekordgewinn-Statistik landen.

Markus B.
62 Punkte

Ehrlich, ich habe die Diskussion über das Warum für mich aufgegeben. Das Einzige, was wirklich wirkt, ist Druck über den Markt. Ich gehe jedes Jahr im Oktober auf comparis.ch, vergleiche Grundversicherung und Zusatz, und wenn eine andere Kasse beim gleichen Modell günstiger ist, wechsle ich kommentarlos. In drei Jahren habe ich so über 1000 Franken gespart. Bei der Autoversicherung dasselbe – Offerte einholen, beim aktuellen Anbieter vorlegen, oft kommen sie dann plötzlich entgegen. Die Konkurrenz ist die einzige Sprache, die sie verstehen.

Laura B.
44 Punkte

@Markus genau so mache ich es auch. Wobei ich dazu sagen muss: Beim Wechseln muss man aufpassen. Grundversicherung ist überall gleich, da kann man bedenkenlos zur günstigsten. Aber bei den Zusatzversicherungen wird gerne mit tiefen Prämien gelockt, und wenn man älter ist oder eine Vorerkrankung hat, nehmen sie dich vielleicht gar nicht mehr oder mit Vorbehalt. Also nicht blind nur auf den Preis schauen.

Simone L.
53 Punkte

Danke euch allen, das war wirklich aufschlussreich. Mein Fazit: Bei der Grundversicherung gilt das Gewinnverbot, da treiben die Gesundheitskosten die Prämie – das ist ärgerlich, aber wenigstens nachvollziehbar. Bei den Privatversicherern fliessen unsere Preiserhöhungen tatsächlich in die Rekordgewinne, und ob die Kalkulation immer fair ist, bleibt für mich ein Fragezeichen. Was ich mitnehme: jammern bringt nichts, wechseln schon. Ich werde diesen Oktober zum ersten Mal konsequent vergleichen und bei der Autoversicherung eine Konkurrenzofferte einholen. Mal schauen, ob mein bisheriger Anbieter dann plötzlich gesprächiger wird.

Melde dich an, um auf diese Diskussion zu antworten.